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Die Hütte im Wald

  • Autorenbild: Sabine Fischer
    Sabine Fischer
  • vor 13 Stunden
  • 4 Min. Lesezeit

Es war eine Art Projekt. Ich sollte mit einigen anderen Menschen eine Zeit lang in einer Hütte im Wald leben. Den genauen Grund kannte ich nicht.


Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: Es war eine Hütte der Selbsterkenntnis. Hier würde nur derjenige glücklich werden, der ehrlich zu sich selbst war. Die Hütte würde uns alles abverlangen und uns bis an unsere äußersten Grenzen bringen, ohne dass wir es merkten.


Als wir die Hütte bezogen, war alles düster, dunkel und schmutzig. Überall waren Staub und Spinnweben, als wäre schon seit Ewigkeiten niemand mehr hier gewesen. Wir fingen notdürftig an aufzuräumen, doch so richtig Lust hatte keiner von uns. Auch ich nicht. Irgendwie schob ich den Müll immer nur von einer Ecke in die andere.


Es ist viel geschehen in dieser Hütte. Was genau, weiß ich heute nicht mehr. Aber ich erinnere mich noch sehr gut an meine Gefühle.


Ich hatte Angst, keinen richtigen Schlafplatz zu finden. Ich hatte Angst, die Hütte vorzeitig wieder verlassen zu müssen. Ich hielt mich oft im Verborgenen auf und versteckte mich, um nicht entdeckt zu werden. Irgendwie war ich ständig auf der Hut.


In unserer Gruppe war ein junger Mann. Ich fühlte mich stark zu ihm hingezogen. Ich glaube, ich liebte ihn. Er schien sich jedoch überhaupt nicht für mich zu interessieren. Es wirkte, als nähme er mich nicht einmal richtig wahr. Ich hatte Angst, mich lächerlich zu machen, wenn ich meine Gefühle zeigte. Also behielt ich sie für mich.


Die Zeit verging. Meist war ich allein unterwegs und hatte mich langsam an das Leben in der Hütte gewöhnt, als ich mich eines Tages plötzlich mit dem jungen Mann in einem Gespräch wiederfand. Wir saßen an einem Picknicktisch mitten im Wald, umgeben von Bergen, und blickten auf ein wunderschönes Tal.


Wir unterhielten uns schon eine ganze Weile, als mir plötzlich bewusst wurde, wie gut er mich kannte. Er wusste praktisch alles von mir. Ich war sprachlos angesichts seiner Präsenz, seiner Aufmerksamkeit, seines Wahrnehmungsvermögens, seines Einfühlungsvermögens und seiner Intelligenz. Ich konnte nur noch sagen:

„Du bist unbeschreiblich.“


Mit einem Lächeln antwortete er: "Dass du das auch schon merkst. Ich liebe dich schon die ganze Zeit. Aber du hast mich bis jetzt überhaupt nicht wahrgenommen.“


Daraufhin nahm er mich in den Arm. Das Gefühl war mit Worten nicht zu beschreiben. Noch nie zuvor in meinem Leben hatte ich mich so gehalten, geborgen und sicher gefühlt. Es war, als gäbe es keine Trennung mehr zwischen uns.


Dann kam der Tag des Abschieds. Unsere Zeit in der Hütte war vorbei.


Ich war überrascht, wie sehr sie sich verändert hatte. Sie war hell und freundlich geworden, sauber und aufgeräumt. Warmes Licht strömte durch die Fenster. Ich spürte tiefen inneren Frieden. Ich war in meiner Mitte und im Reinen mit mir selbst. Ich fühlte mich glücklich, leicht und voller Freude. Bei meinem abschließenden Rundgang wurde mir bewusst, wie sehr ich diese Hütte lieb gewonnen hatte.


Die Nächsten waren bereits am Einziehen und brachten voller Vorfreude ihre Sachen herein.


Ich musste lächeln. Sie wussten noch nicht, was hier auf sie warten würde. Sie wussten noch nicht, welchen Prüfungen sie unterzogen werden würden. Doch wenn sie bereit waren, sich den Aufgaben und sich selbst zu stellen, würden sie ihren Frieden mit sich selbst schließen können.


Ich war fertig hier. Es war eine gute Hütte. Aus tiefstem Herzen bedankte ich mich bei ihr. In Gedanken streichelte ich ihre Wände und umarmte sie zum Abschied.


Ich glaube, diese Hütte war die Liebe.



♦ ♦ ♦



Nachklang


Dieser Traum stammt aus dem Jahr 2013. Auch heute, dreizehn Jahre später, berührt er mich noch tief. Wenn ich ihn lese, staune ich darüber, mit welcher Klarheit mein Inneres mir damals bereits vor Augen geführt wurde. Es ist, als würde ich in einen Spiegel blicken.


Inzwischen hat sich viel verändert. Natürlich gibt es immer noch Situationen, in denen ich Angst fühle oder ich meinen Platz suche. Es kommt immer noch vor, dass ich mich verstecke, meine Gefühle zurückhalte oder mich nicht so zeige, wie ich wirklich bin. Der Unterschied ist, dass es mir heute viel bewusster ist.


Als ich den Traum jetzt noch einmal gelesen habe, war beim Bild der Hütte im Wald meine erste Assoziation: Ich sehe den Wald vor lauter Bäumen nicht. Das, wonach ich schon mein Leben lang gesucht habe, befand sich direkt vor meinen Augen – und ich habe es nicht erkannt.


Der junge Mann ist mir schon in vielen Träumen erschienen. Diesmal erschien er als junger Mann mit blonden Haaren, ein anderes Mal erinnert er an Jesus, dann wieder an einen Schamanen. Die äußeren Bilder wechseln. Seine Ausstrahlung dagegen bleibt stets unverändert.


Er ist reine Präsenz. Unendliches Wissen. Grenzenloses Sehen. Vollkommene Wertungsfreiheit. Bedingungslose Annahme. Reine Liebe.


Wenn ich jetzt auf diesen Traum zurückblicke, erscheint er mir wie eine Vorausschau. Er hat mir schon damals gezeigt, wie sich mein Leben anfühlen würde, wenn ich mit diesem Teil von mir in Verbindung komme.


Heute kann ich mit Gewissheit sagen, dass ich ihn inzwischen kennengelernt habe – meine Seele.


 
 
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