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Wenn Kreise sich schließen

  • Autorenbild: Sabine Fischer
    Sabine Fischer
  • vor 15 Stunden
  • 4 Min. Lesezeit

“Ich lebe mein Leben

in wachsenden Ringen”

Rainer Maria Rilke



Meine Schwester und ich fahren in einem alten Jeep durch eine herrliche Landschaft. Der Jeep tuckert mit der Geschwindigkeit eines Traktors gemütlich vor sich hin, und wir genießen das herrliche Gefühl, uns den Wind um die Nase wehen zu lassen. Wir befinden uns auf einem Landwirtschaftsweg abseits der Straße, weil wir für den regulären Verkehr zu langsam sind.


Auf einmal hören wir ein lautes Motorengeräusch, das sich von hinten schnell nähert. Da rast auch schon ein Porsche Cabrio mit hoher Geschwindigkeit an uns vorbei. Die Insassen sind lauter junge Leute in aufgekratzter Stimmung. Wir freuen uns, auf Gleichgesinnte zu treffen, doch die Porsche-Fahrer nehmen uns überhaupt nicht wahr. Ehe wir es uns versehen, sind sie schon außer Sichtweite.


Wir tuckern weiter, genießen die Natur und stellen zu unserer Überraschung fest, dass wir einmal im Kreis gefahren sind. Wir hatten es nicht sofort bemerkt, weil die Strecke teilweise durch den Wald führt und man den Straßenverlauf dadurch nicht gleich erkennen kann. Als wir zum zweiten Mal unseren Ausgangspunkt passieren, wird es uns bewusst. Im selben Moment hören wir erneut das Motorengeräusch des Porsches. Er ist also auch wieder da.


Einem inneren Impuls folgend, gebe ich Gas. Ich trete das Gaspedal voll durch, um mit dem Porsche mithalten zu können, doch die johlenden jungen Leute haben uns in Sekundenschnelle abgehängt. Da wird mir bewusst, welch aussichtsloses Unterfangen es ist, mit einem Traktor-Jeep ein Wettrennen mit einem Porsche fahren zu wollen.


Für einen kurzen Augenblick war ich nicht bei mir und mein Handeln war automatisch geworden. Als ich das erkenne, fällt es mir wie Schuppen von den Augen, und ich muss über mich selbst lächeln. Ich spüre, wie die Entschleunigung in mich zurückkehrt, wie sich mein innerer Rhythmus wieder dem langsamen Tuckern anpasst und ich entspanne. Ich kann sehen, wie sehr ich unter Strom gestanden hatte, als ich für einen Moment versucht hatte, mit dem Porsche mitzuhalten, und welch sinnlose Energieverschwendung das gewesen war.


Auf einmal nehme ich auch meine Schwester wieder wahr. Sie war völlig aus meinem Bewusstsein geraten. Ich frage sie, ob sie auch einmal fahren wolle, und sie sagt freudig und dankbar ja. Sie hatte schon die ganze Zeit darauf gewartet, dass ich sie frage, aber nichts gesagt. Sie hatte wohl bemerkt, wie sehr ich in meinem eigenen Film war und dass es wenig aussichtsreich gewesen wäre, mich dort erreichen zu wollen.


Als wir das nächste Mal unseren Ausgangspunkt passieren, habe ich nicht das Gefühl, stupide im Kreis gefahren zu sein. Ich bin bewusster geworden in der letzten Runde.



♦ ♦ ♦



Beim Stöbern in meinen Aufzeichnungen bin ich auf diesen Traum aus dem Jahr 2016 gestoßen. Ich habe ihm damals spontan den Titel “Wenn Kreise sich schließen” gegeben, der mir auch heute immer noch passend erscheint. Damals ist mir aufgefallen, dass ich zu dieser Zeit in meinem Leben vermehrt an Orte zurückgeführt wurde und Menschen getroffen habe, mit denen die letzte Begegnung jahrelang zurücklag.


Jahre zuvor hatte ich diese Orte und Menschen im Unfrieden verlassen. In der Zwischenzeit hatte ich mich weiterentwickelt und dazugelernt. Nun kehre ich zurück und kann meinen Frieden mit ihnen schließen. 


Bei den johlenden jungen Leuten im Porsche kommen mir sofort die Gedanken höher, schneller, weiter. Ich denke an den Rausch des Egos, Ablenkung und letztlich Unbewusstheit. Für einen kurzen Moment lasse ich mich dazu verführen, auf diesen Zug aufzuspringen, weil ich meine, dort liegt das Glück.


Als ich wieder zu mir zurückkomme, wird mir plötzlich bewusst, das wahre Glück liegt nicht im Rausch, sondern in der Bewusstheit. In dem Maße, in dem ich bewusster werde, nehme ich auf einmal auch meine Umgebung wieder wahr. Meine Schwester war mir völlig aus meinem Fokus geraten und erst jetzt bin ich wieder in der Lage, ihre Anwesenheit wahrzunehmen.


Sie könnte einen Teil von mir selbst repräsentieren. Spontan kommt mir die Assoziation Seele oder höheres Selbst. Mir gefällt das Bild, dass ich sie nun ans Steuer lasse und damit die Führung abgebe. Und ein Gedanke schießt mir in den Kopf, der schon so oft angeklopft hat. 


Hör auf zu machen, fang an zu sein!


Heute erinnern mich die Bilder dieses Traums an eine liebe Freundin, die im vergangenen Jahr verstorben ist. Sie hatte ein schweres Schicksal und schon in jungen Jahren wurde ihr Leben mit einer Hypothek belastet, an der manch ein Mensch im Leben gescheitert wäre.


Auch bei ihr lief es nicht immer geradeaus, doch in den letzten 20 Jahren war sie praktizierende Buddhistin und zum Zeitpunkt ihres Todes vollkommen im Frieden. Ich bin dankbar, sie kennengelernt zu haben, denn an ihrem Beispiel kann man sehen, wie man ein Leben in wachsenden Ringen lebt. Ihr Nachruf enthält das Gedicht von Rainer Maria Rilke, das mich sehr berührt und so gut zu meinem Traum passt:



Ich lebe mein Leben

in wachsenden Ringen,

die sich über die Dinge ziehn.

Ich werde den letzten

vielleicht nicht vollbringen,

aber versuchen will ich ihn.


Ich kreise um Gott,

um den uralten Turm,

und ich kreise jahrtausendelang;

und ich weiß noch nicht:

bin ich ein Falke, ein Sturm

oder ein großer Gesang.


 
 
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