
Der Ort meiner Sehnsucht
Ich kann mein Glück kaum fassen. Ich bin wieder in London.
Schon mein ganzes Leben lang träume ich davon, noch einmal nach London zu kommen. Seit ich in jungen Jahren einmal dort gewesen war, ist es zu meiner größten Sehnsucht geworden, wieder an diesen Ort zurückzukehren.
Nun bin ich tatsächlich wieder hier. Ich habe keine Erinnerung mehr daran, wie genau ich hierher gekommen bin, ich war auf einmal einfach da.
Ich befinde mich in einem beschaulichen Wohnviertel am Rande der Stadt. Obwohl es hier angenehm, luftig und ruhig ist, wäre ich doch viel lieber im Zentrum gewesen, dem wahren Ziel meiner Träume.
Aber das liegt sicherlich noch weit entfernt und ist zu Fuß bestimmt nicht zu erreichen. Ich bin zufrieden damit und dankbar, überhaupt in London zu sein, denn daran hatte ich schon gar nicht mehr geglaubt.
Nur aus Neugierde werfe ich einen Blick auf den Stadtplan. Ich möchte sichergehen und mir selbst bestätigen, dass das begehrte Zentrum tatsächlich immer noch weit weg ist. Doch dann traue ich meinen Augen kaum …
Auf einmal kann ich sehen, dass ich mich ganz in der Nähe der Innenstadt befinde. Nur ein paar Straßenzüge trennen mich von dem Ort meiner Sehnsucht. Das Zentrum, von dem ich geglaubt habe, es sei unerreichbar weit weg, ist in Wahrheit in greifbarer Nähe.
Ich bin sprachlos vor Staunen und Glück. Ich war dem Ziel meiner Träume bereits ganz nah und hatte keine Ahnung davon gehabt.
In diesem Moment fühle ich mich wirklich gesegnet.
◇◇◇
Dieser Traum aus dem Jahr 2015 hat einen realen Bezugspunkt. Im Alter von 13 Jahren war ich im Rahmen eines Schüleraustauschs in England. Damals war diese Fahrt wie ein Geschenk des Himmels. Bei vier Kindern war nie viel Geld da und niemals hätte ich davon zu träumen gewagt, an dieser Reise teilnehmen zu können. Trotz der finanziellen Knappheit haben meine Eltern es mir ermöglicht.
Auf dem Weg vom Flughafen zu unserem Bestimmungsort sind wir mit dem Bus durch die Londoner City gefahren. Nur im Vorüberziehen konnte ich einen Blick auf die geschichtsträchtigen Bauten und weltbekannten Orte erhaschen, doch ihre Bilder haben sich in meinem Gedächtnis eingebrannt. Zugleich wurde in mir der Wunsch geboren, noch einmal hierher zurückzukehren, um diese Stadt wirklich zu erleben.
Bis heute ist es ein Wunsch geblieben und London wurde so zum Synonym für das Ziel meiner Träume, meiner ungestillten Sehnsucht, für den Ort der Verheissung.
Beim Stöbern in meinem Traumtagebuch fällt mir auf, dass zum Zeitpunkt dieses Traums ein Thema immer wieder in verschiedenen Kontexten auftaucht – der Wunsch nach geistigem Erwachen und Anbindung an die feinstoffliche Welt.
Viele Wege hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt bereits beschritten. Ich wollte wissen und verstehen, den Dingen auf den Grund gehen. Ich habe unzählige Bücher gelesen. Um an der Quelle des Wissens zu sein, habe ich den Beruf der Buchhändlerin ergriffen. In den folgenden Jahren kamen verschiedene Ausbildungen hinzu, Coachings, Seminare und Workshops.
Über Jahrzehnte war ich auf der Suche nach dieser einen Erfahrung, nach dem Erwachen, nach der Verbindung mit dem, was jenseits des Sichtbaren liegt. Ich war stets der Meinung gewesen, dass dies erarbeitet werden müsse. Doch trotz all meiner Bemühungen wollte sich das gewünschte Ergebnis einfach nicht einstellen.
In meinem Traum bin ich auf einmal am Ziel meiner Sehnsucht angelangt. Ich weiß nicht, wie ich dort hingekommen bin, ich bin auf einmal einfach da. Dieses Bild ist der Schlüssel für eine wichtige Erkenntnis. Erwachen kann ich mir nicht erarbeiten. Es ist nichts, was ich mit dem Verstand wissen oder mir irgendwie aneignen kann. Es ist Gnade.
Ich war immer davon ausgegangen, dass das, wonach ich suchte, irgendwo außerhalb von mir zu finden sein müsse. Gott war für mich stets eine höhere Instanz gewesen, die weit über mir steht und zu der ich mich hinentwickeln muss. Ich hatte keine Ahnung gehabt, dass ich mein Leben lang in die falsche Richtung gesucht hatte. Dieser Traum hat es mir gezeigt.
Auch meine Träume betrachte ich als Gnade, als ein Geschenk. Ich kann sie nicht machen, nicht planen, mir nicht erarbeiten, nicht erzwingen. Sie kommen zu mir, wenn die Zeit dafür reif ist. Diese Träume mit ihrer tiefen Symbolik entspringen einer Quelle innerer Weisheit. Sie sind wie die Verheissung einer universellen Wahrheit, die mit dem Verstand niemals erfahren und mit Worten nicht beschrieben werden kann.
Heute erkenne ich darin die wahre Botschaft dieses Traums. Ich schaue auf eine Landkarte und suche dort nach dem Ort meiner Sehnsucht. Ganz selbstverständlich gehe ich davon aus, dass sich das Zentrum irgendwo weit weg von mir befindet. Und dann stelle ich fest: Ich bin ihm bereits ganz nah.
Die tiefe Bedeutung dieser fast schon profanen Traumbilder wird mir erst beim neuerlichen Lesen richtig bewusst:
Das Erwachen, nach dem du suchst, ist näher, als du denkst. Es ist ein Ort in dir, dein eigenes inneres Zentrum. Doch an diesen Ort zu gelangen, kannst du dir nicht erarbeiten, es ist Gnade. Studiere die Landkarte deiner Seele und du wirst sehen und erkennen.


