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Lass dich berühren – Womit Heilung beginnt

  • Autorenbild: Sabine Fischer
    Sabine Fischer
  • vor 1 Tag
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 8 Stunden


Es herrscht Krieg.


Ich befinde mich in der Gesellschaft einiger anderer Menschen und wir schweben in ständiger Gefahr.


Gemeinsam versuchen wir, diese schwere Zeit durchzustehen und uns gegenseitig Halt und Schutz zu geben.


Wir alle haben auf irgendeine Art schwere Verletzungen erlitten.


Dieses gemeinsame Erleben verbindet uns zutiefst, doch genau diese Nähe ist kaum auszuhalten.


Da die äußeren Geschehnisse bereits alles von uns fordern, wäre es zu viel, zusätzlich auch noch die damit verbundenen Gefühlen zuzulassen.


Um so wenig wie möglich mit unserem Inneren in Berührung zu kommen, pflegen wir einen flapsigen Umgangston.


Wir geben uns kumpelhaft und versuchen, unseren schlimmen Erlebnissen mit Scherzen und Witzen den Schrecken zu nehmen.


Es ist überlebenswichtig für uns, unsere verletzlichen Gefühle auf diese Weise in Schach zu halten und die Kontrolle über sie nicht zu verlieren.


Viele Jahre später ...


Es ist ein herrlicher Sommertag und die Sonne strahlt vom blauen Himmel. Der Krieg liegt lange zurück.


Längst ist wieder Normalität in unser Leben eingekehrt und äußerlich erinnert nichts mehr an diese schreckliche Zeit.


Die Bilder aber sind geblieben.


Gut abgeschottet ruhen sie irgendwo tief in meinem Inneren und ich vermeide es tunlichst, irgendwie daran zu rühren. 


Die Erinnerung gleicht einem bedrohlicher Dämon, den ich auf keinen Fall wecken möchte.


Meine Gefährten von damals begleiten mich wie Schatten, auch wenn sich unsere Wege nach dem Krieg längst verloren haben.


An diesem Tag bin ich mit Freunden im Auto unterwegs. Aus den Boxen kommt laute Musik. Wir singen und lachen und genießen den Sommer.


Plötzlich macht neben uns ein Auto laut hupend auf sich aufmerksam.


Es befindet sich auf gleicher Höhe mit uns und die Insassen bedeuten uns wild gestikulierend anzuhalten.


Irgendetwas an ihnen kommt mir seltsam vertraut vor ...


Da fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Es sind meine Gefährten von damals. Sie haben mich gesehen und sofort erkannt.


Mein Herz macht einen Satz vor Freude. In diesem Augenblick spüre ich, dass es zwischen uns etwas gibt, das uns auf einer tiefen Ebene verbindet – etwas, das niemals verloren gehen wird.


Ich bitte unseren Fahrer, das Auto zu stoppen und laufe hinaus. Ohne zu zögern fallen wir uns lachend und weinend zugleich in die Arme.


Trotz unserer Freude spüre ich sofort, dass der Krieg in jedem von uns Spuren hinterlassen hat.


Da sind Narben geblieben, mit denen wir gelernt haben zu leben. Doch genauso wie damals bleiben auch jetzt die dazugehörigen Gefühle unausgesprochen.


Als ich einen meiner alten Gefährten umarme, fällt mir auf, dass er eine ganz verkrüppelte und verwachsene Schulter hat.


Zunächst streife ich sie nur zufällig. Doch als mir bewusst wird, was ich da berühre, werde ich auf einmal von einem tiefen Mitgefühl ergriffen.


Ich halte inne und lege meine Hand noch einmal ganz sanft auf seine Schulter. Ganz bewusst nehme ich jetzt wahr, wie sie sich anfühlt.


Er lässt es geschehen. Und auf einmal ist sie da – genau diese Nähe, vor der wir damals immer geflohen sind.


In diesem Augenblick wird mir klar, dass jetzt der Moment gekommen ist, die Dinge beim Namen zu nennen.


Diesmal will ich nichts mehr überspielen. Diesmal will ich dem Raum geben, was sich zeigen möchte – dass diese Zeit damals uns tiefe Wunden zugefügt hat, die in jedem von uns ihre Narben hinterlassen hat.


Ich frage meinen Freund, ob seine verkrüppelte Schulter aus unserer gemeinsamen Zeit stammt.

Er antwortet nur „Ja".


Es ist ein Ja, das tief aus seinem Inneren kommt.


Ein Ja, das ausdrückt: Ich bin bereit, hinzusehen.


Bereit, das zu fühlen, was so lange im Verborgenen lag.


Bereit, mich selbst anzuehmen, genauso wie ich bin.


Es ist so eine Wohltat und unendlich befreiend, uns nicht länger schützen und verstecken zu müssen.


Unsere Schatten dürfen endlich ans Licht kommen.


Wir spüren beide, dass in diesem Moment etwas heilen darf.


Auf einmal wissen wir, wie es sich anfühlt, wirklich gehalten zu sein.



♦ ♦ ♦



Es ist bereits 15 Jahre her, dass ich diesen Traum aufgeschrieben habe und doch hat er nichts von seiner Aktualität verloren.


Auch heute bewegt er mich immer noch zutiefst. Jedesmal bin ich aufs Neue fasziniert davon, in welchen Bildern meine Seele zu mir spricht.


Der Krieg erscheint mir wie ein Sinnbild meines Lebenskampfes. Meine Gefährten stehen für jene verletzten Anteile in mir, die ich über viele Jahre verdrängt habe.


Und ich darf erkennen, wie ich mit meinen Verletzungen umgehe, warum mir Nähe so schwerfällt und was geschieht, wenn ich beginne, mich selbst anzunehmen.



Das Leben als Kampf


Über viele Jahre habe ich mein Leben wie einen Kampf erlebt.


Irgendwann wurde mir bewusst, dass ich im Grunde gegen mich selbst gekämpft habe.


Vor langer Zeit habe ich beschlossen, diesen Kampf zu beenden und Frieden mit mir selbst zu schließen.


Natürlich gerate ich immer wieder unbewusst in alte Muster. Jahrelange Konditionierungen lösen sich nicht von heute auf morgen.


Doch sobald sie mir bewusst werden, kann ich aussteigen.


Und genau dann bekommen auch die verdrängten Anteile in mir Raum.

In diesem Moment muss ich sie nicht länger bekämpfen.

Jetzt darf ich sie wahrnehmen.



Meine verletzten Anteile


Wir alle erleiden im Laufe unseres Lebens Verletzungen. Wir entwickeln die untersschiedlichsten Strategien, um mit dem damit verbundenen Schmerz nicht in Berührung zu kommen.


Zu groß ist die Angst, dieser Schmerz könnte uns überwältigen.


Mein Traum zeigt mir deutlich, wie ich meine Verletzungen und Gefühle tief in mir begraben habe. Sie sind noch da, aber ich habe die Verbindung zu ihnen verloren.


Irgendwo tief in meinem Inneren fristen sie ein Schattendasein. Doch sie sind ein Teil von mir und möchten gesehen, gefühlt und integriert werden.



Die Berührung


Dieser Augenblick, in dem ich die Schulter meines Gefährten berühre, ist von einer bisher nie gekannten Innigkeit und Tiefe.


Es scheint als würde die Welt stillstehen. Ich halte die Augen geschlossen und tue nichts weiter, als wahrzunehmen und zu fühlen.


In diesem Moment gibt es keine Trennung mehr.


Etwas in mir wird wieder ganz.



Selbstmitgefühl


Dieser Traum ist eine Einladung für mich, meine verlorenen und verletzten Anteile nach Hause zu holen.


Es ist als würden sie mir zurufen:

"Sieh her! Nimm mich wahr! Berühre mich! Fühle mich! Nimm mich an! Liebe mich!"


Und plötzlich spüre ich, welch tiefer Friede in mir entsteht, wenn ich Mitgefühl mit mir selbst habe.


Alles darf sein.


Nichts ist gut oder schlecht.


Nichts muss verändert oder verbessert werden.


Es ist einfach und will nur von mir gesehen und berührt werden.



Heimkehr


Ich bekomme ein Gespür dafür, wie wunderbar es sich anfühlt, mich selbst zu sehen, zu fühlen und anzunehmen.


 
 
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