
Unser wahres Wesen - Was am Ende übrig bleibt
Aktualisiert: 3. Juli
"Wir sind keine menschlichen Wesen,
die eine spirituelle Erfahrung machen,
wir sind spirituelle Wesen, die
eine menschliche Erfahrung machen."
Pierre Teilhard de Chardin
Meine Großmutter liegt im Sterben. Als sie fühlt, dass ihre letzte Stunde gekommen ist, lässt sie nach mir rufen. Ich hatte während des Studiums eine Zeit lang bei ihr gelebt und nun will sie mich noch einmal sehen.
Beim Betreten ihres Zimmers bin ich ganz überrascht, sie am Boden liegen zu sehen. Sie ist gebettet in ein Lager aus Zweigen und Blättern. Sie scheint es bequem zu haben und sich wohl und geborgen zu fühlen.
Ich trete an ihr Bett und setzte mich zu ihr. Ohne mich anzusehen, fängt sie an zu sprechen. Auf den ersten Blick kann ich überhaupt nicht ausmachen, dass ihr Leben seinem Ende entgegen geht. Sie ist wie immer, sie redet und redet und redet.
Nicht einmal jetzt, im Angesicht ihres Todes, lässt sie sich irgendetwas anmerken. Sie wirkt genauso betriebsam wie ich sie ihr Leben lang gekannt hatte.
Immer war sie auf Achse gewesen, stets musste sie etwas zu tun gehabt haben, niemals hatte sie Schwäche gezeigt und durch ihr ständiges Erzählen alle Gefühle förmlich "weggeredet".
Zunächst ist sie noch wie aufgekratzt, doch dann beginnt ihr Redeschwall langsam zu versiegen. Ihre Augen werden immer ruhiger und ihre Aufmerksamkeit scheint sich allmählich nach innen zu richten.
Ich nehme ihre Hand und in diesem Augenblick kann ich alles fühlen. Ich spüre die Zartheit ihrer Seele, ihr schweres Schicksal, ihren starken Willen. Ich sehe ihr Leben in Bildern - Bomben, Krieg, Hunger, Heimatlosigkeit. Sie hatte nicht gearbeitet, sie hatte geschuftet.
Da weiß ich, dass sie im Laufe ihres Lebens diesen Schutzwall aus Worten um sich herum aufbauen musste, um ihr zartes Inneres zu schützen. Sie wäre an den Schlägen des Lebens zerbrochen, wenn sie nicht genau aufgepasst hätte, dass durch diese Schutzmauer nichts durchgeht - weder hinein, noch hinaus.
Als ich ihre Hand ergreife, kann ich auf einmal die ganze Wärme und all die Liebe fühlen, die sich hinter dieser Mauer verbergen und ich kann sehen, dass diese Liebe ihr ganzes Leben lang ihren Kindern und ihrer Familie gegolten hatte.
Ich bin zutiefst ergriffen und bewegt. In diesem Augenblick, als ich in der Stunde ihres Todes ihre Hand halte, kann ich meine Großmutter zum ersten Mal richtig spüren.
Es ist wie eine Offenbarung, diesen Zugang zu ihrem Inneren zu bekommen. Doch mir ist auch bewusst, dass diese unausgesprochenen Worte ihre Abschiedsworte sind.
Ein Schmerz durchfährt mich und ich frage sie, ob es nun soweit wäre. Ohne mich anzusehen, nickt sie mit dem Kopf. Ich fragte sie, ob sie alleine sein wollte, wenn sie jetzt gleich gehen würde. Sie nickt noch einmal.
Da weiß ich, dass alles gesagt ist und auch, dass sie in diesem Moment im Reinen ist mit sich selbst.
Ich streichle noch einmal ihre Hand, dann lege ich sie behutsam neben ihr ab und lasse sie los. Langsam stehe ich auf und verlasse leise den Raum.
In diesem Moment verliere ich meine Fassung und die Tränen brechen aus mir heraus wie ein Sturzbach. Ich weine und weine und weine ...
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Die Natur ist der Schlüssel
Der Schlüssel zum Verständnis dieses Traums ist das Lager aus Blättern und Zweigen. Meine Großmutter liegt auf der Erde und ist eingebettet in die Natur. Sie ist auf dem Weg nach Hause, bereit, dorthin zurückzukehren, wo sie hergekommen war.
Längst ist bekannt, welche Heilkraft die Natur besitzt. Nirgendwo kann man besser zur Ruhe kommen und zu sich selbst finden. Und so wird es auch meiner Großmutter möglich, am Ende ihres Lebens ihre Aufmerksamkeit nach innen zu richten.
Die Geschäftigkeit, die sie ihr Leben lang begleitet hat, verliert langsam ihre Bedeutung. Ihre Worte werden weniger, ihre Unruhe weicht einer tiefen Stille. Heilung geschieht und sie kann jetzt mit sich selbst in Kontakt und ins Reine kommen.
Natur hat aber auch noch eine Bedeutung im übertragenen Sinne. Wenn man sich fragt, was die Natur einer Sache ist, fragt man nach ihrem Wesen. Genau darum geht es in diesem Traum. Es geht um die wahre Natur meiner Großmutter, um ihr wahres Wesen.
Die Schutzmauer fällt
Als ich ihre Hand halte, ist es auf einmal, als würde die Mauer verschwinden, von der sie ihr Leben lang umgeben war. Diese Mauer bestand aus Worten und unermüdlichem Tun. Sie hatte ihr einst geholfen zu überleben.
Krieg, Bombenangriffe, Hunger, Heimatlosigkeit und die ständige Sorge um ihre Kinder hatten sie gezwungen, stark zu sein und keine Schwäche zuzulassen. Die Mauer war ihre Überlebensstrategie.
Doch nun muss sie nicht mehr kämpfen. Sie muss nichts mehr leisten und niemanden mehr schützen. Die Mauer hat ihre Aufgabe erfüllt. Sie fällt, weil sie nicht länger gebraucht wird.
Mit einem Mal wird der Blick frei auf das, was dahinterliegt.
Hinter der Mauer
Was ich da zu sehen bekomme, berührt mich zutiefst. Ich fühle Wärme, Zuneigung, Verbundenheit und Liebe.
Ich sehe ihr ganzes Schicksal vor mir und erkenne, dass all ihre Härte, ihre Geschäftigkeit und ihr unaufhörliches Reden nichts anderes waren als der Versuch, ein zutiefst verletzliches Herz zu schützen.
In diesem Augenblick ergreift mich ein unendliches Mitgefühl. Ein Mitgefühl, das sie für sich selbst wahrscheinlich niemals empfinden konnte.
Zum ersten Mal begegne ich ihr nicht durch ihre Worte oder ihr Verhalten, sondern durch ihr Wesen.
Ich erkenne sie nicht mit dem Verstand – ich erfahre sie mit meinem Herzen.
Dieses Mitgefühl öffnet zugleich etwas in mir. Es berührt auf einmal auch in mir die Liebe in den Tiefen. Die Schleusen für meinen über viele Jahre angestauten Tränenstrom werden geöffnet.
Die Großmutter als Spiegel meiner selbst
Meine Großmutter bin ich selbst.
Träume lassen uns tief in unser Unterbewusstsein blicken und zeigen, was dort im Verborgenen liegt und gesehen werden möchte, damit es in Heilung gehen kann. Auch zeigen sie uns oft Anteile unserer eigenen Psyche.
Die sterbende Großmutter ist ein Teil von mir, der mich zu sich ruft. Bemerkenswert ist dabei, dass sie mich nicht ruft, damit ich sie rette oder festhalte. Sie ruft mich, damit ich sie endlich wirklich sehe und verstehe.
Erst als ich ihr begegne, ohne etwas verändern zu wollen, kann ich erkennen, warum dieser Anteil entstehen musste und welche Aufgabe er mein Leben lang erfüllt hat. Er wollte mich schützen. Und genau deshalb kann ich ihn nun in Liebe verabschieden.
Der Traum handelt deshalb nicht in erster Linie vom Tod. Er handelt vom Ende einer alten Überlebensstrategie. Was stirbt, ist nicht mein Wesen, sondern eine Identität, die aus Schmerz, Angst und Anpassung entstanden ist.
Was bleibt, wenn alles geht?
Bemerkenswert ist, dass meine Großmutter nach und nach alles verliert, worüber sie sich ihr Leben lang definiert hat: ihre Geschäftigkeit, ihre Worte, ihre Rolle, ihre Schutzmauer und schließlich sogar ihr Leben. Doch je mehr davon verschwindet, desto deutlicher tritt etwas anderes hervor.
Es ist Liebe.
Vielleicht ist genau das die tiefste Botschaft dieses Traums. Wenn alles wegfällt, womit wir uns schützen und identifizieren, kommt nicht Leere zum Vorschein, sondern unser eigentliches Wesen.
Loslassen ist auch Liebe
Als ich sie frage, ob sie den letzten Weg alleine gehen möchte, nickt sie. In diesem Moment begreife ich, dass ich sie loslassen muss. Manche Wege kann kein Mensch einem anderen abnehmen. Liebe ist auch, den anderen in Freiheit gehen zu lassen.
Ich streichle noch einmal ihre Hand, lege sie behutsam neben ihr ab und verlasse den Raum. Erst jetzt brechen meine Tränen hervor.
Während ich bei ihr war, konnte ich ganz präsent sein. Erst nachdem ich sie losgelassen habe, kann sich die Trauer ihren Weg bahnen. Es sind nicht nur Tränen des Abschieds. Es sind Tränen einer tiefen inneren Versöhnung.
Liebe ist das, was bleibt
Liebe ist das wahre Wesen meiner Großmutter und da weiß ich, dass Liebe auch mein wahres Wesen ist, dass Liebe unser aller wahres Wesen ist. Egal wer oder was wir sind, egal, was wir hier tun oder getan haben und wie wir uns auf der Bühne des Lebens präsentieren - Liebe ist unser wahres Wesen.
Liebe ist das, was bleibt, wenn alles andere wegfällt.


