Zum Glück ins Jetzt
- Sabine Fischer
- 7. Nov. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 19. Nov. 2025
"Wenn du es eilig hast,
gehe langsam."
Konfuzius
Ich gehe durch die Gassen von Venedig. Vielmehr, ich versuche es ...
Der Gehweg führt am Kanal entlang und ist völlig überfüllt. Die Menschen kommen von allen Seiten und drängeln aneinander vorbei. Vorwärtskommen ist nur schwer möglich und es verlangt viel Geschicklichkeit, sich hier durchzuschlängeln.
Immer wieder kreuzen Passanten meine Bahn, die sperrige Gegenstände tragen und mir den Weg blockieren. Plötzlich ist es, als stände ich vor einer Wand.
Ich spüre den Drang in mir, vorwärts kommen zu wollen, auch wenn ich gar nicht genau sagen kann, wohin eigentlich.
Da fällt mein Blick auf die gegenüber liegende Seite des Kanals und es überrascht mich zu sehen, dass sich dort kaum jemand befindet.
Die wenigen Menschen, die dort gehen, können sich ungehindert fortbewegen, sie wirken zielgerichtet und entspannt. Von der Hektik auf dieser Seite ist drüben überhaupt nichts zu spüren.
Ich frage mich, warum ich hier bin und nicht dort, wo ich so viel lieber wäre. Wie sind die anderen auf die andere Seite gekommen? Ich suche den Kanal nach einer Brücke ab, kann aber keine entdecken.
Auf einmal merke ich, dass sich etwas in mir verändert. Während ich so dastehe und die beiden Seiten auf mich wirken lasse, werde ich immer mehr zum Beobachter.
Ich spüre, wie ich ruhiger werde und meine Aufmerksamkeit mehr und mehr zu mir zurückkommt. Das Geschehen um mich herum läuft jetzt wie ein Film im Zeitraffer an mir vorbei.
Plötzlich ist nichts mehr von Bedeutung außer dem gegenwärtigen Moment. Auch nicht, ob ich auf dieser Seite stehe oder auf der anderen.
Einzig von Belang ist nur noch das Gefühl der inneren Ruhe, der Gelassenheit und der Verbundenheit mit mir selbst.
Ich fühle mich absolut im Gleichgewicht, unerreichbar für jegliche Ablenkung - leicht, frei und glücklich.
♦ ♦ ♦
Diesen Traum hatte ich im Advent 2022. Wieder mal ein Traum, der mich dazu anhält, anzuhalten, innezuhalten und präsent und bewusst zu werden.
Eigentlich sollte der Advent die Zeit der inneren Einkehr sein, stattdessen wird zu keiner Zeit des Jahres mehr gerannt, gehetzt und gejagt als im Advent.
Und ich werde daran erinnert, dass das Glück, nach dem wir suchen, nur genau jetzt, in diesem Moment zu finden ist.
Ich befinde mich mitten in Venedig, mitten im Gedrängel. Vorwärtskommen ist kaum möglich, weil ich ständig durch irgendjemanden oder irgendetwas behindert oder blockiert werde.
Ich weiß gar nicht genau, wo ich eigentlich hin möchte, ich will nur vorwärts kommen. Da, wo ich mich gerade befinde, gefällt es mir nicht, und deshalb möchte ich weg.
Wollen wir nicht so oft woanders sein als da, wo wir gerade sind, weil wir meinen, woanders wäre es besser?
Was mich da behindert, das bin ich selbst. Es sind meine Gedanken, meine Gefühle, meine Vorstellungen, meine Meinungen, etc.
Mir kommt die Assoziation, dass dieses Menschengewimmel meinem Gedankenwirrwarr entspricht. Jeder Mensch steht für einen Gedanken und die sperrigen Gegenstände dafür, wie sie mich blockieren.
Auch die andere Seite des Kanals ist ein Ort in mir. Die Entspanntheit der Menschen ist eine Qualität, die ich ebenfalls in mir trage.
Allerdings gibt es keine Brücke, über die ich einfach hinüber gehen kann. Um dorthin zu gelangen, muss ich anhalten und meine Aufmerksamkeit nach innen richten.
Die meiste Zeit unseres Lebens sind wir mit unseren Gedanken entweder in der Vergangenheit oder in der Zukunft und es gibt diesen etwas saloppen Spruch, der es dennoch auf den Punkt bringt:
"Wenn du mit einem Bein in der Vergangenheit stehst und mit dem anderen in der Zukunft, pisst du garantiert auf das Heute."
Was bedeutet Venedig für mich?
Auf der einen Seite ist es eine Lagunenstadt, es fehlt ihr ein festes Fundament und sie ist dem Untergang geweiht. Auf der anderen Seite steht Venedig für Kunst, Kultur und Schönheit.
Das bedeutet für mich im übertragenen Sinne, dass ich ohne ein festes Fundement verloren bin. Dieses Fundament finde ich niemals im Außen, sondern nur in mir selbst.
Die Schönheit liegt im Augenblick verborgen. In dem Moment, in dem ich aussteige und zum Beobachter werde, komme ich an im Jetzt, in der Präsenz, in der Ruhe, im Frieden, im inneren Gleichgewicht, im Glück.
Der nächste Advent steht vor der Türe und ich trage mich mit der festen Absicht, diese Zeit zu nutzen, um mich in Gewahrsein und Präsenz zu üben. Die Erinnerung an diesen Traum wird mir helfen, mich von der Identifikation mit dem Ego zu lösen und zum Beobachter zu werden.
Der einzige Moment, der wirklich von Bedeutung ist, ist immer nur JETZT.


