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Zwei Welten

  • Autorenbild: Sabine Fischer
    Sabine Fischer
  • 28. Dez. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 1. Jan.

"Nichts auf dieser Welt kann denjenigen berühren,

der mit reinem angewandten Gewahrsein als das Selbst lebt."

Dada Bhagwan


Wir wollten mal wieder etwas raus und entspannen. Nach dem Motto „Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah?“ hatten wir im historischen Viertel der nächstgelegenen Stadt ein Hotelzimmer gebucht.


Jetzt stehen wir an der Ampel und warten darauf, in die Altstadt abbiegen zu können. Voller Vorfreude werfe ich einen Blick auf die alte Stadtmauer und die geschichtsträchtigen Häuser. Ich bin überrascht, wie anders alles auf einmal aussieht. Es sind dieselben Bauten wie sonst auch und doch ganz verändert.


Die Ampel schaltet auf grün und wir passieren das Stadttor. Mir war bisher gar nicht bewusst gewesen, welch schönen und charmanten Kern diese Stadt hat, in der wir sonst unseren täglichen Angelegenheiten nachgehen.


Auf einmal kann ich erkennen, dass von diesem jahrhundertealten Viertel ein ganz besonderer Zauber ausgeht. Ich hatte seine strahlende Schönheit direkt vor meinen Augen bisher überhaupt nicht wahrgenommen.


Wir parken das Auto und schlendern los. Bevor wir unser Hotel aufsuchen, wollen wir noch ein wenig durch die reizvollen Gassen bummeln und vielleicht auch in einem gemütlichen Restaurant etwas trinken und essen.


Doch so richtig einfinden kann ich mich noch nicht, denn irgendetwas ist hier nicht wie gewöhnlich. Es fühlt sich an, als wären wir in einer ganz anderen Welt, einer ganz anderen Zeit gelandet.


Die Uhren scheinen hier still zu stehen. Die Menschen sind völlig entspannt, keiner ist gestresst, in Eile oder hat irgendeinen Druck. Sie scheinen sich ganz dem Augenblick hinzugeben.


Mein Begleiter möchte etwas kaufen und zu unserer großen Überraschung stellen wir fest, dass hier eine andere Währung gilt und mit dem Euro nirgendwo bezahlt werden kann.


Wir fragen einen Passanten nach einer Wechselstube, doch das gibt es keine. Mein Erstaunen wird immer größer. Ich fühle mich wie in einer Parallelwelt, einem Land außerhalb der Zeit.


Wie üblich muss ich zunächst einmal zur Toilette. Ich betrete das nächste Café und sehe mich um. Sehr einladend wirkt es hier nicht gerade. Hinter der Theke steht ein gelangweilter Mann. In einer Ecke sitzen zwei Jungs auf einer Bank und machen ein Brettspiel. Sonst ist niemand im Raum.


Da entdecke ich direkt neben den Jungs ein Kuchenbüffet mit herrlichen Torten. Wie magisch werde ich davon angezogen. Die Tortenstücke sind ungewöhnlich groß und eines sieht verführerischer aus als das andere.


Einer der Jungs bemerkt meine Anwesenheit. Ohne vom Spiel aufzusehen fragt er mich lustlos, ob ich ein Stück haben wollte. Ich kann nicht widerstehen und sage Ja. Vergessen sind mein Begleiter und die Toilette.


Immer noch ohne mich anzusehen packt der Junge mit bloßen Händen das nächste Stück Torte und klatscht es auf einen Teller. Ich bin irritiert und unangenehm berührt. Das hier passt so gar nicht zu meiner bisherigen Wahrnehmung dieser anderen Welt.


Ich schiebe den Gedanken beiseite und esse schnell meinen Kuchen. Auf einmal fühle ich mich überhaupt nicht mehr wohl. Ein Gefühl von stählerner Kälte steigt in mir auf und ich möchte nur noch weg von diesem unwirtlichen Ort.



♦ ♦ ♦



Dieser Traum zeigt mir, wie sich mit einer veränderten Perspektive auch die Wahrnehmung verändert. Der Grad unserer Bewusstheit bestimmt unsere Wahrnehmung. Umso höher unser Bewusstsein ist, desto mehr sind wir fähig, auch feinstoffliche Realitäten wahrzunehmen und in ganz neue Dimensionen einzutauchen.


Durch Verstand, Ego und weltliche Verlockungen sind wir so sehr in der dreidimensionalen Realität verhaftet, dass es schwer ist, das Bewusstsein zu erweitern und vor allem, dieses Gewahrsein über längere Zeit aufrecht zu halten. Und doch liegen genau hier wahres Glück und Befreiung verborgen.


Es geht um eine Altstadt in meiner unmittelbaren Nähe. Wie so oft bedient sich meine Seele bekannter Bilder, damit ich verstehen kann. Eine Altstadt ist der Stadtkern, das Zentrum, der Ursprung einer Stadt und steht für meinen inneren Ursprung, meinen Kern, mein Zentrum. Es ist ein Ort in mir, in dem ein anderes Bewusstsein herrscht.


Die Menschen hier sind anders. Sie sind völlig entspannt, leben ganz im Augenblick und machen sich keine Gedanken wegen der Vergangenheit oder Sorgen um die Zukunft. Für sie zählt einzig die Hingabe an den Moment, das, was jetzt gerade ist. Sie sind zufrieden und glücklich und völlig in ihrem inneren Gleichgewicht.


Hier gilt eine andere Währung. Bei Währung denke ich an Geldwert, es geht also um Werte. Hier gelten andere Werte als in der Welt da draußen. Das Streben nach Leistung, Ansehen, Geld, Macht, Erfolg und Ablenkung ist den Menschen hier unbekannt und fremd. Sie haben bereits alles, was sie für ihr Glück brauchen.


Auch gibt es keine Wechselstuben, in denen man Geld tauschen kann. Das interpretiere ich so, dass es keine Verbindung zwischen diesen beiden Welten gibt, sie existieren völlig unabhängig voneinander. Wenn diese Altstadt meinem inneren Zentrum entspricht, sind die Werte und Qualitäten, die hier herrschen, auch etwas, das ich bereits in mir trage.


Dann ist da aber dieses Café mit den verführerischen Torten. In dem Moment, in dem ich dieses Café betrete, ist alles anders. Die Menschen dort sind gelangweilt und versuchen, sich die Langeweile durch Spiele zu vertreiben. Der Mann hinter der Theke wartet auf Kunden, genauso wie wir immer nur auf bessere Zeiten warten.


Ich selbst bin plötzlich ganz eingenommen von den Torten und erliege meiner Gier. Ich falle aus dem Paradies zurück in die Realität, von der unser Verstand uns Glauben macht, sie wäre die Wahrheit und echt. Die Gier ist eine unserer inneren Verhinderer, die uns aus dem Gewahrsein zurückfallen lässt in die Ketten unseres selbst erschaffenen Gefängnisses.


Mir gefällt das Bild der süßen Torte. Ein Kuchen besteht hauptsächlich aus Zucker und der garantiert den Glückskick. Zucker lässt den Insulinspiegel in die Höhe schnellen, woraufhin das Glückshormon Serotonin ausgeschüttet wird. Doch dieses Glück ist vergänglich und geht genauso schnell wieder, wie es gekommen ist. Und genauso verhält es sich mit allen weltlichen Vergnügungen.


Es gibt also einen Ort in mir, in dem das Glück wohnt, das aber eine ganz andere Qualität hat als in der Vorstellung meines Verstandes. Ich denke an den Sündenfall in der Bibel. Der Apfel in der Bibel ist der Kuchen in meinem Traum. Sünde bedeutet nichts Anderes als Trennung von Gott, unserer wahren Essenz, unseres Ursprungs.


Das Glück und die Freiheit, die wir suchen, sind genau da, wo wir uns jetzt gerade befinden, direkt vor unseren Augen. Wir müssen nicht weit reisen, keine beschwerlichen Wege gehen, um dorthin zu gelangen. Allerdings können wir diesen Ort nicht erreichen, solange wir mit getrübten Gewahrsein in die Welt blicken. Wir müssen unseren Blickwinkel verändern, um uns selbst in unserer wahren Essenz zu erfassen.

 
 
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